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Gustav II. Adolfs Besteck

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  • Inv.Nr.:
    SG02869
  • Material:
    Silber, teilw. vergoldet | Eisen
  • Dat.:
    17. Jh.
  • Maße:
    Messer: L: 172mm
    Gabel: L: 162mm
    Etui: L: 166mm
  • Ereignis:
    Benutzt von Gustav II Adolf Wasa (n. d. Überlieferung)
  • Zugang:
    Altbestand

Was von einem König bleibt

Am 16. November 1632, da war der endlos erscheinende "Dreißigjährige" Krieg auf einem Tiefpunkt angelangt, kam es bei Lützen zu einer verlustreichen Schlacht, in der die Schweden zwar am Ende das Feld gegen die von Wallenstein angeführten Kaiserlichen behaupteten, ihr Kommandeur aber bei einem Reiterangriff durch eine schnöde Kugel getötet wurde: Gustav II. Adolf Wasa, der berühmteste Kriegsherr des Dreißigjährigen Krieges auf protestantischen Seite. Sein Leichnam wurde auf dem Schlachtfeld geborgen und nach Weißenfels ins heutige Geleitshaus verbracht. Von dort aus wurde er in einem großen Leichenzug nach Schweden überführt, wo er in Stockholm beigesetzt wurde. 

Obwohl sich die Schweden gegenüber der Zivilbevölkerung - ungeachtet ihrer Konfession - keineswegs menschenfreundlicher verhielten als die anderen Kriegsparteien, wuchs Gustav Adolfs Ruhm nach seinem Tod beständig an und er geriet bald - neben Martin Luther - zu einem der wichtigsten protestantischen Ersatzheiligen.

Unmittelbar vor der für ihn und ungezählte namenlose Männer tödlich endenden Schlacht, am 31. Oktober 1632, hatte Gustav Adolf mit seinem Tross in Naumburg sein Hauptquartier aufgeschlagen. Die Naumburger Bürger verehrten ihn schon zu Lebzeiten, soweit dies kaufmännische Vernunft zuließ, denn Naumburg war seit beinahe 100 Jahren protestantisch und man hoffte, die Schweden würden der eigenen Sache zum Sieg verhelfen und für einen baldigen Frieden sorgen - obwohl man auch schon die Erfahrung gemacht hatte, dass keine Seite die Stadt verschonte, wenn es darum ging, von ihr gewaltsam Geld und Gut zu erpressen. [So sollte die Stadt Naumburg den einzigen nennenswerten direkten Kriegsschaden, ein Stück zerschossene Stadtmauer beim Salztor, dem schwedischen General Königsmarck verdanken - aber das geschah erst 10 Jahre später.]

Zweimal drei Tage hielt sich Gustav Adolf in Naumburg auf. Er wohnte im Gasthaus zum Scheffel vor dem Salztor (heute ist das die Salztorschule). Dorthin ließ er sich auf Kosten der Stadt alles bringen, was ein protestantischer König und sein Gefolge zum täglichen Leben so brauchte:

"Die Stadt mußte Pechfackeln und Wachslichte liefern, Bratspieße, Bratpfannen, Dreifüße, Fischkessel, Kochblasen, zinnernes Geschirr und Konfektschalen. Dazu Bier, Rhein- und Frankenwein und Süßwein, und dann Speck, Schinken, Rindfleisch, Schweinefleisch, Schöpfenfleisch, Bratwürste, Wildschwein, Hühner, Aale, Karpfen, Schnecken, Butter, Eier, ‘Ertöpffel’, allerlei Kraut und Kohl, Gurken, Zwiebeln, Birnen, Borstorfer Äpfel, Reis, Konfekt, Nürnberger Pfefferkuchen, Kandiertes, Zucker. - Schließlich zählt eine Apothekerrechnung auf: Pfeffer, Ingwer, Nelken, Zimt, Safran, Muskat, Kanarizucker, Korianderzucker, Mandeln, Rosinen, Prunellen, spanische Pflaumen, Kapern, Majoran, Rosenwasser, Baumöl, frische und gesalzene Zitronen, Wachholderbeeren, Manus Christi, Rhabarberküchlein." [E. Borkowsky]

Neben dem Epitaph des mit 18 Jahren gefallenen August von Leubelfing ("Gustav Adolfs Page") in der Wenzelskirche, erinnerte noch lange eine "Königsstube" an den Schwedenkönig, das war das Zimmer, in dem er im "Scheffel" geschlafen hatte. Aber das ist lange vorbei, nichts ist davon geblieben. Das einzige Erinnerungsstück, das (außer verschiedenen schriftlichen Dokumenten) heute noch an den Aufenthalt Gustav Adolfs in Naumburg erinnert, ist unser Essbesteck: der König soll es in Naumburg zurückgelassen haben, als er die Stadt Richtung Lützen verließ.

Wir wissen davon allerdings nur aus der Überlieferung, die vor gerade einmal einhundert Jahren schriftlich fixiert wurde. Ob das Besteck also "echt" ist? Ob Gustaf Adolf es wirklich einmal in der Hand hatte? Ist das wichtig? Wäre das Essbesteck, wenn Gustav Adolf damit gegessen hätte, eine Reliquie oder doch nur ein Essbesteck, noch dazu in einer eher schlichten Ausführung?

Das Bemerkenswerte an unserem Objekt ist übrigens die Gabel. Obwohl man Gabeln schon seit Jahrhunderten kannte, konnten sich diese als Essbesteck erst im Lauf des 16. Jahrhunderts an den Tafeln nobler Italiener und Franzosen durchsetzen. Und noch 100 Jahre später, als die Gabel schon ihren Weg nach Mittel- und Nordeuropa gefunden hatte, war es üblich, dass Gäste ihr Besteck bei sich trugen, meist in einem kleinen Köcher, den man vornehm "cadena" nannte. Dabei stieß die Benutzung der Gabel beim Essen - anstatt der gottgegebenen Finger - noch lange auf massiven Widerstand bei den Hütern der Tradition, allen voran dem Klerus.

Das Besteck, das wir (auf die Überlieferung vertrauend) Gustav Adolf zuschreiben, war also zu seiner Zeit auf jeden Fall ein hochmodernes, noch lange nicht in der Alltagskultur angekommenes Utensil. Und es trägt einige - im Sinne der Zeit - merkwürdige Züge: Der Köcher verweist noch in die Tage, als der Edelmann sein Besteck mit sich trug. Das Messer hat eine ostentativ abgerundete Spitze und macht so deutlich, dass sein Besitzer damit nicht mehr das Fleisch aufspießte, um davon abzubeißen, sondern dass er es in mundgerechte Stücke zerteilte, wie es die neueste Etikette wollte. Und die Gabel schließlich legt es nahe, dass er nicht mehr mit den Fingern aß wie seine Vorfahren es seit Menschengedenken getan hatten, sondern dass er dafür ein zierliches Instrument verwandte, dessen Bedienung - für uns Heutige schwer nachvollziehbar - gefährlich war und erlernt sein musste.


Norbert Elias hat die zuvilisatorische Bedeutung der Gabel in seinem epochalen Werk über den "Prozess der Zivilisation" (1939) eingehend und anschaulich beschrieben.

Bisher die einzige ausführlichere Darstellung Naumburgs im Dreißigjährigen Krieg: Ernst Borkowsky, Die Schweden. Erlebnisse einer kursächsischen Stadt im Dreißigjährigen Kriege, Querfurt, 1932.

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