Jahnfahne
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Inv.Nr.:SG004638
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Material:Leinen | Wolle (Stickerei)
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Dat.:1846
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Maße:H: 900, B: 890 mm
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Ereignis:Hergestellt (bestickt) von Sieglinde Jahn (des Turnvaters Tochter)
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Zugang:Altbestand
Die Jahn-Fahne
| Von F. L. Jahn 1846 anlässlich der Einweihung des ersten Naumburger Turnplatzes übergeben, "gestickt nach der Zeichnung von Wibel, einem Turner der früheren Zeit, von Fräulein Sieglinde Jahn, des Turnvaters Jahn Tochter". |
Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), genannt “Turnvater Jahn”, war der Begründer der deutschen Turnerbewegung. Er wurde 1810 Lehrer in Berlin und eröffnete 1811 einen Turnplatz in der Hasenheide. Absicht des “Turnvaters” war es, durch das Turnen einen Beitrag zur inneren Erneuerung Preußens und zur Schaffung eines deutschen Nationalbewusstseins zu leisten. 1813 trat Jahn für kurze Zeit Lützows Freikorps bei und war maßgeblich beteiligt an der Gründung der Deutschen Burschenschaft. Nachdem er 1819 wegen geistiger Urheberschaft an der Tötung Kotzebues zu Festungshaft verurteilt worden war, stand er bis 1840 unter Polizeiaufsicht. 1848 wurde er als Abgeordneter in die Frankfurter Nationalversammlung der Paulskirche gewählt. Er starb am 15. Oktober 1852 in Freyburg/Unstrut.
Jahns politischer Werdegang ist im Rückblick so schwierig einzuordnen wie der vieler anderer seiner politisch aktiven Zeitgenossen. Er war “Demokrat” der ersten Stunde und “Freiheitskämpfer”, sein Ziel war die Schaffung einer politischen Einheit Deutschlands auf der Grundlage einer konstitutionellen Monarchie, seine wiederkehrenden Themen “Deutschtum”, “Volk”, “Kultur”, “Vaterland”, “Nationalgefühl” und “Volkserziehung”, in deren Mitte er die “Leibesübung” als Mittel der Charaktererziehung wähnte.
Für seine “frechen Äußerungen gegen Staat und Verfassung” wurde er 1826 zuerst verurteilt, dann aus Berlin verbannt und in Freyburg unter polizeiliche Aufsicht gestellt. Vieles an seinen Äußerungen ist mißverständlich, seine Sprache eher raunend als klar. Und in mancher Hinsicht finden sich bei Jahn frühe Anklänge an völkisches Gedankengut.
Der von Jahn geprägte Turnerspruch “Frisch Frei Fröhlich Fromm” stieß schon bei vielen seiner demokratischen Wegbegleiter auf ein gewisses Unbehagen. Während “frisch” und “fröhlich” allgemein akzeptiert waren, schieden sich schon an der Interpretation von “frei” die Geister. Je älter das Jahrhundert wurde, desto mehr neigte man dazu, “frei” möglichst unpolitisch zu verstehen als frei von negativen Eigenschaften, von Lust und Leidenschaft, von Disziplinlosigkeit, also als das schiere Gegenteil der eigentlichen Bedeutung.
Noch umstrittener war allerdings der Begriff “fromm”, der für viele aufgeklärte Turner nicht akzeptabel war, obwohl Jahn versuchte, ihn als “Inbegriff der sittlichen Thatkraft”, als Pflichttreue und “Voransein” schmackhaft zu machen. Ein Gedicht formulierte die Gegenposition:
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Der 1. Naumburger Turnplatz in einer zeitgenössischen Darstellung. [Sie erhalten eine Vergrößerung des Turnplatzes, wenn Sie den Mauszeiger auf das Bild setzen.] |
"Das Turnen ist in unserer Stadt im Jahre 1846 mit Unterstützung der Stadtbehörde eingeführt worden. Erster Turnlehrer war der Referendar Kinderling, und die Eröffnung des Turnplatzes (der sich vom Bürgergarten-Pavillon bis zur Hauptallee herunter und östlich bis zur Landstraße ausdehnte, 1880 aber durch Aufschüttung zu einem schrägen Abhange gemacht worden ist) verbunden mit der Weihe der bekannten Turnfahne am 17. August 1846 gestaltete sich zu einem öffentlichen Ereignisse;.. Bald danach bildete sich auch ein “Turnverein”, der bereits im Mai 1848 erwähnt wird und erst auf jenem Turnplatze, später im jetzigen Adlergarten seine Übungen abhielt."
[Karl Schöppe, 1894.]
Nachdem im Laufe des vorigen Jahres die städtischen Behörden den festen Willen ausgesprochen hatten, für die männliche Jugend Naumburgs eine Turnanstalt zu errichten: wurden sogleich die nöthigen Schritte gethan, um die Sache rasch zu beginnen und auszuführen. Deputationen des Magistrats und der Stadtverordneten traten zusammen, um über die Annahme eines geschickten Lehrers, über die Wahl und Anlage eines passenden Platzes und über die Ausdehnung des Unterrichts auf alle, die hiesigen Schulen besuchenden, Schüler sich zu berathen. Wenn auch in mancher Hinsicht divergirende Ansichten hervortraten: so war man doch über die Grundzüge der neu in’s Leben zu rufenden Anstalt und namentlich darüber vollkommen einig, daß, wenn einmal etwas geschehen solle, dieß Etwas auch ein Tüchtiges sein müsse. Es war Hoffnung vorhanden, einen auswärtigen Lehrer, einen Schweizer, für die Anstalt zu gewinnen, und es blieb nur noch die Auswahl eines Platzes und die genaue Berechnung und Feststellung der aufzubringenden Kosten übrig. Während man darüber und namentlich über die eventuelle Berufung und Anstellung des Lehrers verhandelte, war man so glücklich, in der Person des Königl. OLG-Referendarius, Herrn Kinderling, einen Mann zu finden, welcher alle, einem guten Turnlehrer unerläßlichen Eigenschaften in sich vereinigt. Aus Lust und Liebe zur Sache erklärte er sich bereit, den Unterrricht zu übernehmen. Ueber die näheren Bedingungen einigte man sich bald, eben so über den Platz. Nachdem die sämmtlichen Kosten überschläglich berechnet und von Seiten der Behörden mit großer Munifizenz bewilligt worden waren, wurden die Arbeiten am Platze in Angriff genommen, trotz der Schwierigkeit des Terrains rasch gefördert und mit Ausgang des Monats Julius beendigt.
[...]
Demgemäß versammelten sich an dem genannten Tage, Nachmittags gegen vier Uhr sämmtliche Turner, unter ihnen auch die vorzüglichsten Turner aus de oberen Classen des Domgymnasiums, vor dem Bürgerschulgebäude. Nachdem sie dort nach ihren Riegen aufgestellt worden waren, setzte sich der Zug in folgender Ordnung nach dem Rathhause zu in Bewegung: Voran ein stark besetztes Musikcorps; hierauf die neue schöne Fahne, gestickt nach der Zeichnung von Wibel, einem Turner der früheren Zeit, von Fräulein Sieglinde Jahn, des Turnvaters Jahn Tochter, und getragen von Eduard Arnold aus Freyburg, einem alten Turner; neben diesem ging der Schiffseigner, Siegfried Jahn; hinter diesen schritten der Turnvater Friedrich Ludwig Jahn und der Turnlehrer Heinrich Kinderling; dann kamen der Director und die sämmtlichen Lehrer der Bürger- und Armenschule nebst fast allen Lehrern der übrigen Communalschulen, und endlich die Riegen der Turner, geführt von ihren Vorturnern. – Vor dem Rathhaus, auf welchem Magistrat und Stadtverordnete versammelt waren, wurde ein Kreis gebildet, das Musikcorps spielte ein Stück, worauf der Zug unter Begleitung von tausend und aber tausend Zuschauern über den Markt durch die Jakobsstraße zu dem Thore hinaus nach dem Bürgergarten zu sich bewegte, wohin die Behörden sich bereits verfügt hatten, um ihn dort zu empfangen. Auf dem Turnplatze angekommen, stellten sich die Turner in einem weiten Halbkreise auf, die Behörden, Vater Jahn mit der Fahne und die Lehrer traten auf die oberste Böschung und nachdem Jeder seinen Platz eingenommen hatte, wurde unter Instrumentalbegleitung [ein] Lied gesungen.
[...]
Hierauf brachte der Direktor Sr. Majestät dem Könige, den Behörden der Stadt und dem Turnvater Jahn ein dreimaliges Hoch.
Der Letzte trat nun auf und übergab die neue Fahne der Turngemeinde mit folgenden Worten:
Durch Nachbarschaft seid Ihr mir die Nächsten und ich hoffe, Ihr werdet mir auch sonst nicht fern bleiben. So wollen wir denn vereint für die lebendige Lebenskunst des Turnens wirken - wider das Vorurteil und den Irrtum und den Wahn der dünkelberauschten Unwissenheit und die Verkehrtheit rechthaberischen Sinnes.
Uns soll nicht kümmern des Neidharts Lauern, noch des Schriftstellers feile Feder.
Turner von Naumburg, empfanget mit Wohlwollen, was alte, nie gerostete Liebe Euch darbringt - diese Fahne. Schlicht ist sie und einfach, nicht von Samt oder Seide. Die Gabe ist’s nicht, wohl aber der Sinn, mit dem der Geber giebt. Und wenn die Jungfrauen Naumburgs Euch einst eine schönere verehren, so behaltet diese zum Wahrzeichen.
Die Fahne feste des heutigen Tages Erinnerung, vereine Euch zu einer Gemeinde und bleibe der Hort des Einsseins mit der gesamten Turnerschaft. Sie geleite im Lenz Euren Auszug, im Herbste den Einzug und künftige Fahrten zum Wettturnen. Sie schmücke Eure Feste und fehle bei keiner Feier.
Mit diser Fahne übernehmt Ihr eine große Verpflichtung: die Fortbildung der Turnkunst, die Erhaltung ihres wahren Geistes. Mit Kraft sollt Ihr Milde paaren und mit Stärke Leutseligkeit. Aus der deutschen Sprache sollt ihr ein Wort hinwegschaffen und im Leben vertilgen. Bedenkt den Beruf! Ein Turner darf nie in die Flegeljahre kommen, nimmer sein Leben verfrühen, noch den Selbstvernichtungssprung wagen, vom Knaben gleich bis zum Greise.
Die Fahne reihet Euch an eine würdige Vergangenheit, deren Kinder und Erben Ihr werdet. Sie weiset Euch Eure Stelle in der Gegenwart, weihet Euch zu Vertretern eines edeln Jungtums und zu Gewährleistern der Zukunft.
Euer Banner führt in seinem Schilde das Wappen der Stadt, der Ihr diesen Turnplatz verdankt. Jeder Biedere und Brave verehrt die Wiege seines Daseins und die Urstätte seiner Bildung. Zuraunt es Euch den Wahlspruch des Turners: Frisch, frei, fröhlich, fromm; ist umgeben von den Landesfarben und trägt Eichelgezweig und Eicheln. Dabei möget Ihr gedenken: Größer als die Stadt ist der Staat und die deutschen Staaten wohnen im Hause des Gesamtvaterlandes. Gut Heil!




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