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Max Klingers Weinberg in Großjena

Etwa zwei Kilometer Fußmarsch sind es vom Naumburger Bahnhof zum Blütengrund, wo die Unstrut in die Saale mündet. Zwischen Fluss und Eisenbahnlinie liegt der Grund des Saaletals, Wiesen und Obstplantagen, einige Kleingärten, von Bäumen gesäumte Sträßchen, auf der Sandsteinterrasse im Süden des Tales die eindrucksvolle Silhouette der alten Domstadt: eine ländliche Bilderbuch-Idylle. Wenig hat sich hier in den letzten 100 Jahren geändert, insbesondere im Frühling, wenn üppig blühendes Grün die weniger ansehnlichen Hinterlassenschaften der jüngsten Vergangenheit überdeckt, kann man sich leicht zurückversetzen in jene Tage, als Max Klinger des öfteren diesen Weg zu seinem Weinberg nahm. Wie einst der Künstler aus dem quirligen Leipzig kann der heutige Wanderer mit der behäbigen Fähre übersetzen und, am anderen Ufer angelangt, den Weg unterhalb der steilen Weinbergterrassen unstrutaufwärts nehmen, nun schon auf Großjenaer Flur, bis er nach knapp einem weiteren Kilometer den Treppenaufgang zu Klingers Weinberg erreicht. Spätestens beim Ersteigen des Berges wird sich ihm Stufe für Stufe mehr erschließen, was Klinger hier gesucht und gefunden hat: die grandiose Aussicht über die beiden malerischen Täler und die kontemplative Ruhe, die über dem Weinberg liegt.

Es war im Jahr 1903, als Max Klinger, im Zenith seines Erfolges stehend, den unteren Teil des Weinberges mit dem historischen Weinberghaus seinem Leipziger Hausarzt Dr. Rudolf Schenkel (für 10.000 RM) abkaufte. Einen zweiten, weiter oben gelegenen Teil des “Schenkelberges” mit einem Schafstall pachtete Klinger zunächst hinzu.

Es war jedoch nicht nur die Möglichkeit, dem Lärm und der Hektik der Großstadt zu entfliehen um in der Abgeschiedenheit arbeiten zu können, die den oft nicht sehr geselligen, wortkargen Künstler bewog, Schenkels Angebot anzunehmen. Es waren wohl auch familiäre Konflikte, die Klinger die Anwesenheit in Leipzig zunehmend verleidete: ein eskalierter Streit mit den Brüdern um das väterliche Erbe, der in verbalen Injurien und körperlichen Auseinandersetzungen kulminierte und die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin Elsa Asenijeff, die nicht nur im Familienkreis als Skandal empfunden wurde.

Der Weinberg in Großjena war weit genug weg vom Klatsch der Tugendwächter, um sich davon ungestört zu fühlen. Klinger bezog das untere Weinberghaus, das er im Lauf der Jahre zu seinem geliebten “Radierhäuschen” machte, während Elsa Asenijeff in den bewohnbar gemachten Schafstall zog. Die Wohnverhältnisse waren zunächst sehr spartanisch, räumlich beengt, ohne jeden Komfort, im krassen Gegensatz zur gewohnten Welt der Leipziger Plüsch-Salons.

Klinger genoss die Aufenthalte in Großjena so sehr, dass er 1907 auch den bisher gepachteten Teil des Weinbergs erwarb, zwei Jahre später noch ein weiteres angrenzendes Flurstück, so dass ihm nun der ganze Westteil des Berges gehörte. Dann ging er daran, das obere Gebäude – den ehemaligen Schafstall – zu einem vollwertigen Wohnhaus erweitern zu lassen. Der Kostenvoranschlag des Naumburger Baumeisters Menzel ist erhalten geblieben: er belief sich auf ca. 14.000 RM, immerhin etwa ein Drittel dessen, was der günstigste Anbieter für das imposante Atelier-Gebäude in der Leipziger Karl-Heine-Str. veranschlagt hatte.

Die Bauarbeiten zogen sich bis 1914 hin, doch bereits zuvor musste der Künstler - nicht zum erste Mal - erfahren, dass die abgeschiedene Lage auch ihre Nachteile hatte. In einem Brief vom 19.8.1913 an Gertrud Bock lesen wir: “Liebes kleines Trudchen! Ich bin trostlos.” Es war eingebrochen worden und man hatte etliches entwendet: “Das eine graue Zeichenheft wo ich dich oft darin gezeichnet habe, weg gestohlen. 25 von meinen ganz neuen Radierungen gestohlen - - - Komm jetzt lieber nicht zu mir. Alle Nasen lang ein Crimineller und die Leute iegeln wie verrückt. Nicht schön! Und ich wäre so froh, wenn ich endlich arbeiten könnte! Wie geht es Dir? Ganz traurig. Bussi Bussi. D[ein] M[ax]”.

Gertrud Bock, bei der Klinger hier Trost suchte, hatte zu diesem Zeitpunkt die Stelle Elsa Asenijeffs bereits eingenommen. Seit 1910 hatten die beiden Bock-Schwestern Gertrud und Ella für Klinger Modell gestanden, wobei sich das Verhältnis zu Gertrud bald zu einer Liebesbeziehung wandelte. Damit neigte sich gleichzeitig die Beziehung zu Elsa Asenijeff dem Ende zu, die 26 Jahre älter, weniger schlank, gebildeter und von komplizierterer Natur als “Trudchen” war. Noch im Jahr 1914, kurz nach der Fertigstellung des Wohnhauses, holte Asenijeff ihre Sachen aus Großjena ab und in den folgenden Auseinandersetzungen beanspruchte sie das Weinberganwesen für sich, ohne jedoch damit Erfolg zu haben. Klinger übernahm noch einige Schulden der Asenijeff, aber dies änderte nichts daran, dass die Trennung für die wenig erfolgreiche Schriftstellerin genau jenen unaufhaltsamen sozialen Abstieg bedeutete, den Klinger in seinem Zyklus “ein Leben” den allzu wagemutigen Frauenzimmern vorhergesagt hatte.

Im Oktober 1919, Klinger war gerade einmal 62 Jahre alt, erlitt er in seinem Weinberghaus einen schweren Schlaganfall, von dem er sich nur noch kurz erholte. Noch im selben Spätherbst heiratete er sein langjähriges Modell Gertrud Bock und die frisch Vermählten verlegten ihren Hauptwohnsitz nach Großjena. Klinger setzte seine Frau zur Alleinerbin ein, lediglich Diener und Winzer wurden mit kleinen Summen bedacht und auch Desirée Klinger, die gemeinsame Tochter mit Elsa Asenijeff, erhielt ein Legat.

Am 4. Juli 1920 starb Max Klinger in Großjena und er wurde auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin in unmittelbarer Nähe seines Hauses beerdigt. Die Gestaltung des Grabes unter Verwendung der Klinger-Bronze “Athlet” hatte der Leipziger Bildhauer und Klinger-Freund Johannes Hartmann übernommen. Bereits kurz nach der Beerdigung hatte er der Witwe seine Hilfe angeboten, wie man einem Brief vom 21. Juli 1920 entnehmen kann: “Hochverehrte Frau Trude! ... An mich sind schon von verschiedenen Seiten Anfragen gerichtet worden wegen Werkzeugen und Steinmaterial aus dem Nachlass Ihres lieben Mannes. Wenn Sie es wünschen, bin ich gern bereit, Ihnen in freundschaftlicher Weise eine Inventur u. fachmännische Taxe zu machen. Nach meiner Kenntnis muss ziemlich viel vorhanden sein...”

Am 18. Mai 1922, keine acht Wochen nachdem Hartmanns erste Frau gestorben war, heirateten Gertrud Klinger und Johannes Hartmann, 1926 brachte Frau Klinger ihre Tochter Waltraute zur Welt. Die Erbschaft freilich erwies sich als nicht ganz unproblematisch. Zunächst machten Klingers Geschwister Anstalten, das Testament anzufechten, weil sie Zweifel an dessen rechtmäßigem Zustandekommen hegten. Sie gaben aber auf, als glaubwürdige Zeugen versicherten, dass Klinger bei klarem Verstand war, als er das Testament unterschrieb. Dann erschien Klingers Tochter auf der Bildfläche, deren Legat - sie sollte jährliche Zinserträge von 7.000 Mark erhalten - mittlerweile von der Inflation aufgezehrt war. Sie verwickelte die Hartmanns in eine Serie von Prozessen, die bis zum Ende des folgenden Jahrzehnts andauern sollten. Dabei ging es unter anderem immer wieder um die Bewertung der Erbschaft. Es gelang den Hartmanns, diesen so niedrig anzusetzen, dass ihnen zumindest im ersten Prozess “Armenrecht” gewährt wurde, obwohl zur Erbschaft neben dem Atelierhaus in der Karl-Heine-Straße 6 auch noch andere Leipziger Grundstücke und der künstlerische Nachlass gehörten. Das Großjenaer Weinberggrundstück, so Hartmann während des Prozesses, “bringt nichts ein, es verursacht nur Kosten. Die Beklagte ist verpflichtet, das Grundstück zu halten, weil es die Grabstätte Klingers enthält.” Den Wert des künstlerischen Nachlasses schätzte Gustav Kirstein im selben Zusammenhang folgendermaßen ein: “Was die Frage nach dem gegenwärtigen Wert der Klinger’schen Werke anlangt, so muss ich sagen, dass nach meiner Kenntnis es heute ausserordentlich schwer ist, ein Werk Klingers zu verkaufen. Nicht nur für Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen des Künstlers ist jetzt der Begehr des Kunstmarktes gegen die Zeit bis etwas 1925 ganz wesentlich gesunken, sondern auch für seine Radierungen. Sosehr ich davon überzeugt bin, dass Klingers künstlerische Bedeutung, die heute etwas missachtet wird, in der Kunstgeschichte der späteren Zeit die Hochschätzung finden wird, die sie verdient, so sehe ich trotzdem keine Aussicht, dass sich die frühere starke Kaufbewegung für jede Schöpfung seiner Hand wieder einstellen wird..."

Man darf sicher annehmen, dass die Hartmanns sich während der gerichtlichen Auseinandersetzung mit der Klinger-Tochter vorsätzlich arm rechneten, andererseits ist es aber offensichtlich, dass Klingers beachtliches Vermögen seinen Tod nicht lange überdauerte. Und seiner Witwe brachte es jedenfalls kein dauerhaftes Glück. 1927 erkrankte sie an einer beidseitigen Lungen-Tuberkulose, zu der 1930 ein schweres Augenleiden hinzu kam, beide Krankheiten verschlangen hohe Summen an Behandlungskosten. Anfang des Jahres 1932 fuhr Gertrud Hartmann zur Kur nach Davos, von wo sie im April zurückkehrte. Ihre Schwester Ella, die sich von ihrem Ehemann nach einer unglücklichen Ehe getrennt hatte, zog zu den Hartmanns, pflegte die Kranke und kümmerte sich um das Kind. Kurz darauf, im Mai desselben Jahres, starb Gertrud. Ihre Urne wurde in Klingers Grab beigesetzt. Im Dezember heirateten Johannes Hartmann und Ella, geschiedene von Wunsch, geb. Bock.

Auf Wunsch Gertruds wurde die Großjenaer Liegenschaft im selben Jahr 1932 an die Stadt Naumburg veräußert, wobei sich die Hartmanns allerdings ein Wohnrecht bis 1946 zusichern ließen, das “auf Lebenszeit” verlängert wurde, als Hartmanns Wohnhaus in Leipzig durch Bombem zerstört worden war.

Erst nach dem Tod der Hartmanns (also Johannes, 1952, und Ella Hartmanns, 1955, deren Urnen wie die Gertruds in Klingers Grab beigesetzt wurden) übernahm die Stadt den Weinberg in ihre Regie. Man sah sich jedoch nicht in der Lage, das in der Zwischenzeit reichlich heruntergekommene Gebäude soweit instand zu setzen, dass es möglich gewesen wäre, das von vielen gewünschte Klinger-Museum einzurichten. Letztere Absicht war wohl 1932 der eigentliche Anlass für den Erwerb durch die Kommune gewesen. In der Zwischenzeit hatte sich aber die Situation grundlegend verändert. Klingers Ansehen war seit seinem Tod rasch dahingeschwunden und dem Kunstverständnis der frühen DDR war Klingers Werk fremd. Den ideologisch eher unsicheren Funktionären, die in der Kleinstadt das Sagen hatten, schien es nicht opportun, sich für das Andenken an einen Repräsentanten des Alten Reiches einzusetzen, dessen Bürgerlichkeit so sehr ins Auge sprang, dass alle Versuche, bei ihm Spuren von sozialistischem Realismus zu entdecken, zum Scheitern verurteilt waren (obwohl die “Dramen” immer wieder für diesen Versuch benutzt wurden). Man tat also folgerichtig zunächst einmal nichts, bis sich schließlich die Bezirksregierung einschaltete, weil sich diese - zum Erstaunen der lokalen Autoritäten - nicht damit einverstanden zeigte, dass Klingers Wohnhaus dem Verfall preisgegeben war. Es folgte ein langwieriges Hin- und Herschieben der Verantwortung, das Gelände ging zunächst ins Eigentum des Bezirks über (1967) und von dort an das Ministerium für Kultur der DDR (1971), die Verwaltung wurde dem DDR-Kulturfonds übertragen und die Nutzung überließ man dem Verband Bildender Künstler.

Gleich mit der Übernahme 1967 hatte der Bezirk eine "Sanierung" des Hauses verursacht, die allerdings unter den Bedingungen knapper Kassen zur Katastrophe geriet. Der gravierendste Eingriff betraf das Dach des Hauses. Weil der stattliche Mansard-Dachstuhl marode war, wurde er abgebrochen und durch einen günstigen "Typendachstuhl" von einem Standard-Einfamilienhaus ersetzt. Da dieser nicht ohne weiteres auf das Gebäude passte, wurde das Haus passend gemacht, was unter anderem bedeutete, dass man die Mauerkrone des oberen Geschosses abtrug und mit der drastisch verminderten Raumhöhe auch den Charakter der Räume dramatisch veränderte. Mit dieser "Sanierungsmaßnahme" war das harmonische äußere Erscheinungsbild des Hauses nachhaltig zerstört. Gleichzeitig hatte Klingers letzte Wohnstätte auch ihre "inneren Werte" fast gänzlich eingebüßt. Noch Ende der fünfziger Jahre war die komplette Einrichtung, darunter eine größere Menge von Kunstwerken, nachweislich erhalten. Ein Teil des Inventars wurde legitimerweise von den Hartmann-Erben veräußert, ein Teil, insbesondere Mobiliar, wurde vernichtet, weil angeblich von Ungeziefer unrettbar befallen. Ein weiterer Teil des Nachlasses fand seinen Weg ins Museum der bildenden Künste. Der Rest aber - darunter neben Plastiken, Gemälden und Drucken auch 269 verschiedene Grafiken, teilweise in Mehrfach-Exemplaren - wurde schließlich inventarisiert und dem Naumburger Stadtarchiv übergeben, wo dann diese Kunstwerke im Lauf der folgenden Jahrzehnte ebenso verloren gingen wie die Kartei, in der sie verzeichnet waren.

Als die Stadt Naumburg die "Klinger-Gedächtnisstätte" Anfang der 1990er Jahre in Form eines Erbpachtvertrages von der damaligen Stiftung Kulturfonds (heute ist der Eigentümer die Landeskunststiftung) zurück erhielt, hatte sich die Immobilie merklich verändert. Der Verband bildender Künstler hatte 1983 einige Ferienhäuser "im Schwedenstil" auf dem Gelände errichtet, dazu in unmittelbarer Nähe der Grabanlage einen Grillplatz mit Aussichtsterrasse, und das Wohnhaus war zur Zentralen Versorgungsstätte mit Großküche, Speiseraum, "Klubräumen", Waschküche und Duschen umgestaltet worden.

Die Stadtverwaltung suchte zunächst nach Wegen, den Betrieb des Geländes in der Art des "Künstlerheims" weiterzuführen, eine wirtschaftliche Betriebsform konnte für die relativ kleine Einrichtung jedoch nicht gefunden werden. Gegen diese Bewirtschaftungsform sprach auch die Absicht, das Gelände für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen und dem Andenken an Max Klinger wieder stärkeres Gewicht zu verleihen. Im Jahr 2002 wurde das Klinger-Haus schließlich dem Stadtmuseum Naumburg als Zweigstelle übergeben mit dem Auftrag, eine museale Nutzung des Geländes herbeizuführen. In den Jahren 2004-6 konnte dann das Gebäude komplett saniert werden: das ursprüngliche Dach konnte rekonstruiert werden, ebenso die Fenster und damit war das Erscheinungsbild des Hauses wieder hergestellt. Durch die Wiedererrichtung des Mansarddaches wurde dem Salon im Erdgeschoss seine Höhe zurückgegeben und der dort stehende Kachelofen mit den Figurenkacheln von Klingers Hand erhielt wieder eine angemessene räumliche Einbettung.

Das Wohnhaus, das Radierhäuschen und das Grabmal bilden heute wieder ein stimmiges Ensemble. Im Wohnhaus findet der Besucher nicht nur die beiden erhaltenen Kachelöfen von Klingers Hand, sondern auch eine attraktive Ausstellung, die anhand vieler Ausstellungsstücke, darunter Klingers Radierplatte, sein Werkzeug, Plastiken, Gemälde und zahlreiche Grafiken, an Max Klinger und die wechselvolle Geschichte des Klinger-Hauses erinnert.

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