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Weinflasche von 1680

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  • Inv.Nr.:
    SG04220
  • Material:
    Glas | Blei
  • Dat.:
    1680 | 1913
  • Maße:
    H: 160, B: 72, T: 68 mm
  • Ereignis:
    Hergestellt (abgefüllt) 1680 | Gefunden und geöffnet durch Louis Meder 1913
  • Zugang:
    Altbestand

Die Flasche hat eine fast quadratische Grundform, ohne Verjüngung geht der Flaschenkörper in einen kurzen Flaschenhals über (Apothekerflasche). Vorhanden ist noch die Bleihülle zum Verschließen, auf dem Bleiverschluss erkennbar die eingeritzte Jahreszahl "1680". Das Glas weist starke, irisierende Spuren von Korrosion auf, die Flasche wurde aus Bruchstücken zusammengeklebt.

Die Geschichte einer alten Weinflasche

Im Jahr 1913 erwarb der Berliner Kunsthändler Louis Meder 1913 einen Weinberg im Naumburger Blütengrund, der ehemals dem Naumburger Hofjuwelier Johann Christian Steinauer gehört hatte und der durch das ab 1722 entstandene "steinerne Bilderbuch" bis heute weithin bekannt ist. Meder riss das auf dem Weinberg befindliche, mehr als zweihundert Jahre alte Häuschen ab, um an derselben Stelle einen Neubau zu errichten. Dabei wurde der "Grundstein" des alten Häuschens geborgen, der die Jahreszahl 1688 trug. Das Haus war also wohl von Steinauers unmittelbarem Vorgänger errichtet worden, denn Steinauer kam erst 1706 nach Naumburg. Unter dem Stein fand sich eine kleine Grube, in der einige interessante Gegenstände zum Vorschein kamen: eine Urkunde (über die nichts bekannt ist), verschiedene Münzen und vier Flaschen gefüllt mit Wein. Bei den Weinflaschen handelte es sich um die damals üblichen Apothekerflaschen, die mit Korken verschlossen und mit Bleikapseln abgedichtet waren. Den Einritzungen auf den Bleikapseln war zu entnehmen, dass je eine Flasche Wein der Jahrgänge 1678 bzw. 1680 enthielt und zwei Flaschen mit 1687er Wein gefüllt waren.

Eine der 1687er Flaschen erhielt der bekannte Weinbau-Historiker Friedrich von Bassermann-Jordan, der sie dem Weinbaumuseum in Speyer übergab, wo sie heute als älteste noch gefüllte Weinflasche (deutscher Herkunft) ausgestellt ist. Alsbald geöffnet wurden die andere 1687er Flasche (sie wurde in Berlin probiert und anschließend in der "Versuchsstation" Geißenheim chemisch analysiert) und die Flasche mit dem 1680er Wein (von einer illustren Runde in Naumburg). Beide Proben fanden bei den anwesenden Weinkennern Anerkennung, jedenfalls scheint der Wein noch genießbar gewesen zu sein. Der älteste Wein von 1678 blieb bei Meder. Über seinen Verbleib ist nichts bekannt.

Die in Naumburg geöffnete Flasche (von 1680) wurde dem Naumburger Heimatmuseum übergeben. Der damalige Leiter des Museums ließ die Flasche mit Wein des sehr gut geratenen Jahrgangs 1911 wieder auffüllen. Die alte Bleikapsel wurde wieder verlötet.

In den folgenden Jahren wurde die Flasche immer wieder ausgestellt unter der sicher ganz unabsichtlich leicht missverständlichen Bezeichnung "Flasche von 1680 mit altem Wein". Im Zuge der 900-Jahr-Feierlichkeiten 1928 muss die Flasche dann irgendwann zerbrochen sein. Die Scherben wurden zwar wieder zusammengefügt, doch fand die Flasche danach keine öffentliche Erwähnung mehr. Erst im Zuge der Neuinventarisierung der Museumsbestände Ende der 1990er Jahre wurde sie wiedergefunden.


Das Naumburger Tageblatt vom 25.11.1913 berichtete:

Bemerkenswerter Fund. Wein vom Jahr 1687. Wir sprachen neulich davon, daß in dem Weinberge des Herrn Kunsthändlers Meder aus Berlin das am Bergesrande liegende Wohnhaus abgerissen werde, weil an seine Stelle ein stattlicheres Gebäude kommen soll. Dieser Weinberg bei Großjena ist auch weiterhin der bekannteste von denen in unserer Gegend geworden durch die Beschreibung, die Größler und Bergner von dem darin befindelichen "Steinernen Stammbuch" gegeben haben, nachdem dieses in früherer Zeit schon öfter in diesem Blatte beschrieben worden war. Der Weinberg ist künstlerisch reich ausgeschmückt erstens durch eine größere Anzahl von Reliefdarstellungen, die in die dort zu Tage tretende dicke Sandsteinwand eingemeißelt sind, zweitens durch reizvolle Anlagen von Balustraden mit Figuren und großen Vasen im Rokokogeschmack. Diese schöne und stattliche Anlage geht zurück auf einen früheren Besitzer, den hochfürstlich S. Weißenf. Geheimen Camerirer und Hof-Jubelier auch Kauff- und Handelsmann" Johann Christian Steinauer in Naumburg, der 1724 gestorben ist; man nahm an, daß die Anlage etwa 1720 entstanden ist. Bei dem Abbruche des Hauses hat man nun einen bemerkenswerten Fund gemacht. Als die Arbeiter des Bauunternehmers Franz Löser hier, dem der Bau übertragen ist, beim Ausschachten auf den Felsgrund kamen, fanden sie eine Steinplatte, auf der die Zeitangabe 21. V. 1688, das Wort "Jesus" und ein Steinmetzzeichen zu erkennen waren. Man hob sie aus und fand, daß sie eine etwa 30:50 Zentimeter große Grube bedeckte, in der sich verschiedene Gegenstände befanden. Zunächst viele Stücke von verrostetem Eisen, die Ueberreste eines reich verzierten Kästchens; dazwischen eine größere Anzahl von Münzen jeder Größe, vom winzigen dünnen Heller bis zum Zweitalerstück. Manche davon waren offenbar ganz münzfrisch hineingelegt worden. Die wir entziffern konnten, trugen das Bild des Herzogs Johann Georg III. von Sachsen (1688-91 Kurfürst) und die Jahreszahlen 1683 und 1688. Ferner lagen darin die leider sehr zerfallenen Reste eines mit ovalen bemalten Platten von kostbarem Metall belegten Schächtelchens, das eine zusammengefaltete vermoderte Urkunde enthielt; diese kann natürlich erst mit aller Sorgfalt und Vorsicht geprüft werden. Die größte Rarität aber sind vier Glasflaschen voll Wein. Sie haben etwa die Gestalt der Danziger Likörflaschen, ihr breiter Hals ist aufs sorgfältigste mit Blei verschlossen und zugelötet, so daß sich der Inhalt fast vollständig erhalten hat, ohne zu verdunsten. Auf dem einen Verschlusse war die Jahreszahl 1687 zu erkennen, auf den andern war sie noch durch Schmutz verdeckt. Der Wein ist also 226 Jahre alt, man kann als sicher annehmen, daß er einzig in seiner Art ist.

Im Naumburger Tageblatt vom 14.12.1913 konnte man über Flaschen-Öffnung lesen:

Ein seltener Tropfen. Wir berichteten neulich, daß beim Abbruche des Hauses in dem alten Steinauerschen Weinberg des Herrn Hofkunsthändlers Meder aus Berlin vier Flaschen Wein gefunden worden waren, die nebst Geldmünzen und anderen wertvollen Erinnerungsstücken im Jahre 1688 unter dem Hause in einer Erdhöhlung eingelegt worden waren. Eine der Flaschen trug auf dem Bleiverschluß die Jahreszahl 1687. Es handelte sich, da bei dem guten Verschluß der Flaschen fast gar keine Verdunstung stattgefunden hatte, um Originalwein von einem Alter, wie er nur selten vorhanden ist. (Der in Fässern gehaltene sehr alte Wein muß bekanntlich alle Jahre nachgefüllt werden, wenn er nicht nach und nach ganz verdunsten soll.) Man durfte darum gespannt darauf sein, zu was sich der Wein entwickelt hatte. Er konnte ebensogut geschmacklos, wässerig oder ölig geworden sein. Gestern abend hatte Herr Meder in der Starckeschen Weinstube, als in einem Lokale, dessen Besitzer als eifriger und aufopfernder Pfleger und Förderer unsres heimischen Weinbaus sich große Verdienste erwirbt, eine der kostbaren Flaschen zur Probe geöffnet, wozu mehrere Herren, darunter Obergärtner Bebber von den staatlichen Weinbauanstalten, eingeladen waren. Es ergab sich zunächst, daß der Wein eine ganz erstaunlich starke firnige Blume von überraschender Feinheit entwickelt hatte. Er hatte einerseits die etwas weiche, süße Art des Gutedel, und erinnerte so etwas an südliche Weine, andrerseits war die firnige Herbheit stark entwickelt. Jedenfalls muß es ein ganz hervorragender Jahrgang gewesen sein, der eine solche Blume hatte zur Entwicklung bringen können. Ein wenig davon genügte, um einem Glas jungen Naumburger Weines denselben, vollen, kräftigen Charakter zu verleihen. Eine gewisse Verwandtschaft mit dem jetzigen Wein unserer Gegend war zu erkennen, trotzdem gegen den starken Firngeschmack der jetzige Wein völlig erblaßte. Es wurden eine Flasche 1878er, die Herr Starcke aus seinem Keller zur Verfügung stellte, und verschiedene Sorten aus den 1912er und 1911er Versteigerungen der staatlichen Berge zum Vergleiche herangezogen. Dabei wurde wieder allgemein empfunden, was für ein wohlschmeckender, milder Wein selbst dem geringen Jahre 1912 unsern Bergen entwachsen ist, und daß die neue Pflege wohl berechtigt ist, wie sie der Weinbauverband anstrebt. - Es war eine interessante Probe und man kann sich denken, daß die Anwesenden mit einer großen Ehrfurcht vor der uralten irisierenden Flasche saßen, voll Dankbarkeit für den prächtigen Gedanken des trefflichen Juweliers Steinauer, der als junger Mann vor 225 Jahren den Wein in seinem Berge der Nachwelt aufhob, und für den Spender, der die Wiedererstehung veranlaßte.


Literatur: Neben verschiedenen Artikeln im Naumburger Tageblatt v. 1913 erschien ein Bericht über die Weinanalyse: Bassermann-Jordan, Friedrich von; Heide, Carl von der; Kroemer, Karl: Ueber einen Saalewein des Jahrgangs 1687, in "Wein und Rebe" (Mainz), 2. Jg., 1920/21, S. 1-25.

 

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