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Apfelpfennig

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  • Inv.Nr.:
    SG12103
  • Material:
    Messing, geprägt
  • Dat.:
    undatiert | erstes Drittel 17. Jh.
  • Maße:
    D: 25 mm
  • Ereignis:
    hergestellt von: Hans Krauwinckel, Nürnberg
  • Zugang:
    Altbestand

Vorderseite: Umschrift “HANNS KRAVWINCKEL  IN NVRENB”, drei Kronen und drei Lilien um eine Rosette;
Rückseite: Umschrift “DAS WORT GOTES BLEIBT EWICK”; Reichsapfel im Dreipass;
in der Mitte ein kleines Loch.


Er lag jahrzehntelang in einem kleinen Kästchen, zusammen mit einer Reihe mehr oder weniger wertloser Kupfermünzen, in einer Ecke unseres Magazins, wo noch nicht erfasste Objekte lagern. Er ist aus Messingblech geprägt, die Vorderseite zeigt einen Reichsapfel, daher sein Name: „Apfelpfennig“. Aber ein „Pfennig“, also eine Münze, ist es nicht. Was aber dann?

Man muss nicht lange suchen, um das herauszufinden: es handelt sich um einen sogenannten „Rechenpfennig“, und es zeigt sich, dass das kein sonderlich wertvolles, aber ein durchaus interessantes Objekt ist.

Solche Rechenpfennige kannte man schon in der Antike, in unseren Breiten fanden Sie ihre häufigste Verwendung aber im 16. und 17. Jahrhundert. Mehr als 6000 verschiedene Typen sind bekannt, sie haben sich in großer Zahl erhalten. Rechenpfennige wurden überall dort verwendet, wo gezählt, gehandelt und verkauft wurde, aber sie dienten nicht der Bezahlung, sondern der Berechnung.

Das schriftliche Rechnen, wie wir es heute schon in der Grundschule lernen, war im ausgehenden Mittelalter weitgehend unbekannt, denn man verwandte noch immer die römische Zahlenschreibweise, die schriftliches Rechnen fast unmöglich machte.

s_abakus-b24649-invsg03420Schon die vorchristlichen Hochkulturen hatten allerlei Hilfsmittel benutzt, um einfache Rechenoperationen wie Addition und Subtraktion schnell und (für den Handelspartner) nachvollziehbar durchführen zu können: Der seit mehr als 3000 Jahren bekannte Abakus ist im Ursprung ein Brett mit Linien, auf die Steine („calculi“) gelegt werden, die wiederum durch die Position der Linien einen bestimmten Wert erhalten. Und aus genau diesen calculi entwickelten sich im Lauf des Mittelalters die "Rechennpfennige". Bei der heute bekannteren Abakus-Form sind die Marken durch auf Drähte aufgezogene Kugeln ersetzt, ansonsten ist die Funktionsweise aber weitgehend die gleiche.

Titelkupfer aus Adam Ries' "Rechnung auff der Linihen" (1529) Das Rechnen „auf der Linie“ wurde von Adam Ries ausführlich beschrieben und war eine Fertigkeit, ohne die kaum ein Geschäft betrieben werden konnte. Dies änderte sich im Laufe des 16. Jahrhunderts allmählich, als die römischen Zahlen immer mehr durch die heute noch gebräuchlichen indisch-arabischen Ziffern verdrängt wurden. Diese brachten nicht nur den Vorteil der kompakteren Schreibweise mit sich, sondern auch eine zusätzliche Neuerung, die das Rechnen revolutionierte: die Ziffer „0" - beides Voraussetzungen für schriftliche Berechnungen.

Die Rechentische und Rechenbretter blieben im Alltagsleben allerdings noch lange gebräuchlich und damit auch die Rechenpfennige. Hergestellt wurden diese zunächst von den Münzstätten (weshalb sie auch „Münzmeisterpfennige“ genannt wurden), doch verlagerte sich die Produktion im 16. Jahrhundert auf ein spezielles Handwerk, die Rechenpfennigmacherei, das wiederum in Nürnberg sein unangefochtenes Zentrum fand und im 16./17. Jahrhundert quasi eine Monopolstellung einnahm. Nürnberger Rechenpfennigmacher versorgten das ganze Reich mit ihren Produkten in riesigen Mengen und sie exportierten darüber hinaus ins europäische Ausland. Auch unser Exemplar stammt aus der Werkstatt eines dieser Nürnberger Hersteller, wie die Umschrift “HANNS KRAVWINCKEL IN NVRENB[ERG]” verrät.

Hans Krauwinckel, der von ca. 1586 bis 1635 tätig war, stellte - wie sein Vater Damian - Rechenpfennige in großer Zahl her, und er war wohl der produktivste Vertreter seines Gewerbes. Zahlreiche Entwürfe und Stempelschnitte soll der bedeutende Nürnberger Medailleur Christian Maler für ihn angefertigt haben, so dass die Rechenpfennige teilweise erstaunlich qualitätvolle Schnitte aufweisen.

Unser „Apfelpfennig“ ist freilich der häufigste und preiswerteste der Krauwinckel-Pfennige - er wurde in verschiedenen Varianten vom 15. bis ins 17. Jahrhundert hinein produziert und von fast allen Nürnberger Meistern ebenfalls angeboten.

Die Umschrift der Rückseite "DAS WORT GOTES BLEIBT EWICK" ist ein Bibelzitat (Petrus, 1,23) und - bemerkenswerter - eine der beliebtesten Devisen der Reformationszeit. Während die meisten überlieferten Beschriftungsvarianten weitgehend belanglos sind, könnte man hierin durchaus eine speziell auf den protestantischen Absatzmarkt zielende Besonderheit sehen.

Im 17./18. Jahrhundert kamen die Rechenpfennige als solche langsam außer Gebrauch, stattdessen wurden sie nun als Spielgeld verwandt. Der französische Begriff für Rechenpfennig "Jeton" hat diese neue Bedeutung bis heute behalten.

Wie und wo unser Exemplar die Zeiten überdauert hat, das wissen wir leider nicht. Der Inhalt des Kistchens, in dem er sich fand, deutet darauf hin, dass es sich um einen Lesefund handelte.

Literaturhinweise:

Nach Adam Riese. Geschichte und Wesen der Rechenpfennige. In: Das Fenster in der Halle der Kreissparkasse Köln, Oktober 1975.

Franz Stalzer, Rechenpfennige: Nürnberg, Signierte und zuweisbare Gepräge. 1. Lieferung: Die Familien Schultes, Koch und Krauwinckel: BD. 1 (Staatliche Münzsammlung, 1989).

Karl Menninger, Zahlwort und Ziffer: eine Kulturgeschichte der Zahl, Göttingen 1979.

Das Rechenbuch des Adam Ries ("Rechnung auff der Linien und Federn", Ausgabe von 1529) finden Sie hier...

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