Stahlrohrsessel
-
Inv.Nr.:SG012617
-
Material:Stahlrohr, verchromt | Mischgewebe-Polsterbezug | Schaumstoff-Polster | Flachfedern (Stahl)
-
Dat.:um 1980
-
Maße:H: 1060 B: 660 mm
-
Ereignis:hergestellt von: VEB Metallwaren Naumburg (MEWA)
-
Zugang:Schenkung
Bequem und komfortabel
Als wir kurz nach der Schließung der Sekundarschule Juri Gagarin diese im Sommer 2007 besuchten, um die verlassenen Räume nach geeigneten Museumsgut zu durchforsten, ahnten wir nicht, welche Kostbarkeiten Naumburger Industriekultur sich darin verbergen würden. Alte Schulmaterialien, Lehrerutensilen wie Tafellineal und Zirkel oder Schulbücher waren - wie nicht anders zu erwarten - in vielen Räumen zu finden. Die Büros sahen aus, als wären Sie eben erst noch benutzt worden, auch das Büro des Schuldirektors. Dort genau fand sich dieser Freischwinger, den wir zum Objekt des Monats erkoren haben.
“Ein Freischwinger ist ein Stuhl ohne Hinterbeine, dessen Sitzfläche unter dem Gewicht einer Person federnd nachgibt ("schwingt") und leicht nach hinten absinkt” so lautet die Definition, die bei Wikipedia zu finden ist. Erstmals entwickelte der Architekt Mart Stam 1926 einen Stuhl, der ohne Hinterbeine konstruiert war. Dieser etwas starren Rohrkonstruktion gab der Architekt Ludwig Mies van der Rohe eine größere Elastizität. Neben Marcel Breuer schufen zahlreiche namhafte Designer und Architekten des Bauhauses eigene Versionen des Freischwingers, weshalb dieser als markantes Beispiel modernen Möbeldesigns angesehen wird.
In unserem Fall handelt es sich um einen klassischen Freischwinger mit einen tragenden Rahmen aus einem einzigen gebogenen Metallrohr in „Schlittenform“. Die Vorderbeine knicken unten und oben nach hinten weg, der Rahmen läuft wie Kufen weiter auf dem Boden bis zum hinteren Rand des Sitzmöbels. In diesen Rahmen sind die Sitzfläche und die Rückenlehne, welche inwendig verstärkt ist, eingehängt oder eingespannt. Der Freischwinger besitzt eine leicht nach hinten geschwungene, in einer Wulst endende Rücklehne. Auch die Sitzfläche fällt nach unten ab und schwillt zu einer Wulst an. Die oberen Rohre sind zu Armlehnen umgebogen, die mit abgerundeten textilbezogenen Auflagen versehen sind. Das Sitzmöbel ist mit einer bräunlichen Polsterung aus Mischgewebe bezogen, die Sitzfläche enthält einen Federkern. Dass dieser Stuhl mehrere Jahre in Benutzung war, erkennt man besonders an der Unterseite des Stuhls, welche einige Fehlstellen in der Polsterung aufweist.
Der Freischwinger ist in einem der damals größten Naumburger Betriebe der “VEB Metallwaren Naumburg”, kurz MEWA, hergestellt worden. 1980 beschäftigte dieser Betrieb 1225 Mitarbeiter. Im Volksmund wurde der am 1. April 1950 gegründete Handwerksbetrieb, der mit 12 Mitarbeitern begann, “VEB Blechkonstruktion Naumburg” gemeinhin auch “Blechbude” genannt.
In der Nachkriegszeit mangelte es an allem. Selbst Ausgangsmaterialien für Haushaltsgeräte waren Mangelware. Daher spezialisierte sich VEB Blechkonstruktion Naumburg in den Anfangsjahren auf die Herstellung von Kochtöpfen, Bratpfannen, Ofenrohren, Kohle- und Verpackungskästen. Das Ausgangsmaterial dafür gewann man aus Gehäusen von Wehrmacht- oder Volksgasmaskenfiltern oder aus Stahlhelmen der Wehrmacht. Mitte der 1950er Jahre fusionierte der kleine Betrieb, damals noch an der heutigen Jägerstraße gelegen, mit dem privaten Industriebetrieb Krug. Eine Produktionsstätte in der Humboldtstraße kam hinzu, wenig später eine weitere Betriebsstätte in der Weißenfelser Straße. Anfang der 1960er Jahre begann die Produktion erster Bau- und Möbelbeschläge. Weitere neue Produktionslinien wie Spirituosenstiegen, Scharniere, Sockelbleche und Griffe kamen hinzu und ließen die Mitarbeiterzahlen auf 70 anwachsen. Die Firma verlegte Ihren Sitz nach Grochlitz und zog in ein neues Produktionsgebäude am Linsenberg. Da die MEWA für die Möbelindustrie zusehens an Bedeutung gewann, erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten um weitere 230 auf 300 Mitarbeiter.
Der wohl prominenteste Auftrag, den die MEWA jemals erhalten hatte, kam von der höchsten Instanz der DDR, dem Politbüro des Zentralkomitees der SED. 1972 entwickelte und fertigte die VEB Metallwaren Naumburg das gesamte lose und feste Gestühl für den Palast der Republik in Berlin an. Damit stieg der einst Betrieb zum größten Produzenten von Möbelbeschlägen in der DDR auf. Mit 120 verschiedenen Erzeugnissen, angefangen von Möbellenk- und -gleitrollen über Gelenkbänder und Rohrgestelle bis zu Drehuntergestellen für Polstermöbel und Tischuntergestellen gehörte die MEWA 1975 zu den wichtigsten Zulieferern der DDR-Möbelindustrie.
Mit der Erweiterung des Produktionsgeländes in der Kroppentalstraße um ein Galvanik-Gebäude und eine Versandhalle, wurde diesem wirtschaftlichen Aufschwung Rechnung getragen. Ende der 1970er Jahre kam die so genannte Nullserie in 18 Varianten auf den Markt, welche sowohl Stahlrohrsessel und -stühle beinhaltete als auch ein komplettes Rohrgestellprogramm. In Wohnungen waren diese Stahlrohrstühle ebenso zu finden wie in Kulturhäusern, Büros oder Schulen. Obwohl der Industriebetrieb nach außen ununterbrochen “den Plan vollends erfüllte”, kriselte es bereits in den 1980er Jahren. Um die westlichen Märkte zu erschließen wurden die Produkte zu Dumpingpreisen an die Bundesrepublik verkauft. Dieses Ungleichgewicht von Marktwert und Verkaufswert ließen den Betrieb weit in die roten Zahlen rutschen. “Wir haben unsere Produkte weit unter dem Herstellungswert verkauft. Das konnte nicht gut gehen” so ein MEWA-Mitarbeiter. Kurz nach der Wende übernahm die Treuhandanstalt den Betrieb. Mehrere Jahre blieb die Suche nach einem geeigneten Investor erfolglos. Nach mehreren missglückten Anläufen, wurde die MEWA 1992 von Werner Reiß, Komplementär der Ziehl KG Köln, mit allen Liegenschaften für nur 600.000 Euro verkauft. Allerdings war die Freude darüber nur von kurzer Dauer. Knapp zwei Jahre nach der Übernahme ging die Mutterfirma in Köln in den Konkurs. Der Betrieb in Naumburg aber konnte durch Umstrukturierungen weiter aufrechterhalten werden. Im Jahr 1997 beschäftigte die ZIEHL mewa Rohrgestellbau und Beschlägefabrik GmbH 38 Mitarbeiter und ist auch heute noch am Linsenberg ansässig.
Das Unternehmen heute: ZIEHL mewa Rohrgestellbau und Beschlägefabrik GmbH, ist ein mittelständiges Unternehmen der Metallverarbeitung. Die Geschäftsbereiche Rohrgestellbau und Beschläge, sind als Zulieferer seit Jahrzehnten vor allem in der Möbelindustrie etabliert. Ein großes und flexibles Produktspektrum, höchster Qualitätsanspruch, kurzfristige Lieferzeiten und innovative gemeinsame Entwicklungsarbeit mit unseren Kunden, haben zu einem stetigen Wachstum geführt. [Quelle: www.ziehl-mewa.de]




Kommentar schreiben