Stadtansicht (Möbius/Hess, um 1835)
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Inv.Nr.:SG12657
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Material:Papier, bedruckt (altkolorierte Aquatinta).
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Dat.:1835-1840
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Maße:H: 330 x B: 410 mm (Bild)
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Ereignis:gezeichnet von: [C. F. T. ?] Möbius | gestochen von Christian Carl Ludwig Hess, Jena | gedruckt von Chr. A. Ludwig in Kahla
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Zugang:Ankauf Nov. 2011 aus Spendenmitteln
Vom Bürgergarten aus blickt der Betrachter auf die Stadt Naumburg.
Vordergrund: Unter einem schmalen, hochgewachsenen Laubbaum sind drei Personen zu sehen. Ein biedermeierlich gekleidetes Paar schickt sich an, sich zum Picknick im Gras niederzulassen und dabei den Blick auf die Stadt zu genießen. Eine dritte, dem Paar und dem Bildbetrachter zugewandte männliche Person, wird durch ein im Gras abgelegtes Reisebündel, in dem sich ein Paar Stiefel befindet, als Reisender (Geselle? Student?) gekennzeichnet. Er trägt einen blauen Gehrock, der etwas derber zu sein scheint als die in Schwarz (Gehrock des Mannes) und Weiß (Damenkleid, Damenhut, Herrenhose, Zylinder) gehaltene Sonntagskleidung des Paares.
Der Bürgergarten war in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts auf eine Initiative aus dem Naumburger Bürgertum hin angelegt worden, finanziert durch den Verkauf von "Actien". Dass dieser Ort der Erholung bis dahin "Galgenberg" geheißen hatte, zeigt anschaulich, wie sehr sich das Lebensgefühl zum Beginn des neuen bürgerlichen Zeitalters zum Gemütlichen wandelte. Sonntagsspaziergang, Aussicht und Picknick waren durchaus noch neue Errungenschaften in einer Kleinstadt, die sich ihr frühneuzeitliches Erscheinungsbild seit gut zweihundert Jahren fast unverändert bewahrt hatte und deren Bewohner nun förmlich aus der Enge der Mauern hinausdrängten.
Der Mittelgrund des Bildes zeigt die "Krautländer" zwischen Stadt und Bürgergarten, von den Stadtbürgern genutzte landwirtschaftliche Anbauflächen. Links, auf freiem Feld, die "Krauthütte" und zwei Spaziergänger auf dem "Weg aus dem Ziegelgraben" (Buchholzstraße), rechts der baumbestandene "Weg aus dem Bürgergarten" (Bürgergartenstraße). Südlich werden die Krautländer begrenzt durch eine breite Allee, die den sonntäglichen Spaziergängern eine prächtige Aussicht auf Naumburg bot (heute als "Goetheweg" bekannt).
Das Stadtbild selbst zieht sich als gestrecktes Band von der Moritzkirche im Westen bis zum Schützenhaus im Osten. Während heute der flüchtige Naumburg-Gast die Silhouette insbesondere vom Bahnhof aus wahrnimmt, zeigt der autochthone Bürgerblick von der südlichen Höhe, dass nicht der abseits gelegene Dom den Anblick des Ortes dominiert, sondern der mächtige Komplex aus städtischem Rathaus und bürgerlicher Wenzelskirche - ein Effekt, von dem wir mit Gewissheit annehmen dürfen, dass er in der Absicht der spätmittelalterlichen Bauherren lag.
Im zartem Dunst des Hintergrundes erkennen wir die Täler von Saale und Unstrut, mit dem Zusammenfluss beider Flüsse in der Bildmitte. Die Flussläufe sind durch Baumreihen gekennzeichnet, darüber liegen schemenhaft die Weinberge mit den charakteristischen Winzerhäuschen. In der linken Bildhälfte lugt über dem Taleinschnitt der Unstrut die Neuenburg mit dem "Dicken Wilhelm" über den Bergrücken. Die obere Bildhälfte wird beherrscht vom lichtblauen Himmel und einer gewaltigen Schönwetterwolke, die dem Bild einen optimistischen Grundzug verleiht.
Schauen wir uns die Vedute etwas genauer an, so fallen uns neben den beiden großen Kirchen einige weitere Gebäude besonders auf. Über die volle Breite der Ansicht verteilt sind da drei Gebäude zu sehen, die wir mit biedermeierlichen Augen in ihrer klassizistischen Nüchternheit als hochmoderne Zutaten der neuesten Zeit wahrnehmen müssen: Links hinter dem Dom das 1821 fertiggestellte Oberlandesgericht, ganz rechts das Schützenhaus der Bürgerschützen (1805) und zentral, außerhalb der Stadtmauer, das stattliche Gebäude des Bürgervereins. Die Mauer, die wir zwischen Bürgervereinshaus und Krautländern sehen, ist kein Teil der Stadtbefestigung, sondern eine Gartenmauer, die die dort liegenden bürgerlichen Gartenanlagen einfriedet. Die Stadtmauer wird nur an einer Stelle ins Bild gesetzt: Dort wo das Viehtor einen Zugang zur Stadt anbietet. Während aber die anderen prominenten Gebäude hinreichend realitätsnah abgebildet sind, ist dies bei diesem Stadttor nicht der Fall. Weder die Lage, noch die umgebende Situation noch die Architektur des Tores selbst stimmen so ganz mit der Realität überein. Über den Grund hierfür können wir allerdings nur spekulieren: Das Viehtor ist 1836 abgebrochen worden - wollte der Zeichner rückblickend mit der Darstellung schon an die "gute alte Zeit" erinnern und den Kontrast zu den Neubauten noch etwas erhöhen? Andererseits fehlen in der Bildmitte die beiden klassizistischen Salztorhäuschen (1834), die das ehemalige Salztor ersetzten; - ist es vorstellbar, dass man diese Schmuckstücke einfach ignoriert hat? Oder handelt es sich bei all dem nur um zeichnerische Unzulänglichkeiten? Eine sichere Datierung lässt sich jedenfalls auf diese Beobachtungen nicht gründen, obwohl wir dennoch die Entstehungszeit des Blattes in die späten 1830er Jahre legen wollen.
Über den Zeichner [C. F. T. ?] Möbius ist leider nichts bekannt. Etwas mehr wissen wir über den Stecher Christian Carl Ludwig Hess. Über ihn ist im Thieme-Becker (XI, 577) zu lesen: "Hess, Christian Carl Ludwig, Kupferstecher in Jena, geb. 8. 1. 1776 in Weißenfels, gest. 1853 in Jena. Stach viele kleine Kupferstiche für Studentenstammbücher, auch größere Blätter landschaftlichen Inhaltes, hauptsächlich aus Jena u. Umgegend. Einiges von ihm im gothaischen Hofkalender. Seine Arbeiten wohl vollzählig im Jenaer Stadtmuseum vertreten."




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