Die Glocken von St. Wenzel

Das Turmuhrwerk der Fa. WeuleDas Turmuhrwerk der Fa. Weule

Steigt man den engen Wendelstein des Turmes hinauf, erreicht man in ca. 22 m Höhe das Geschoss, in dem das  Turmuhrwerk augestellt ist. Es wurde 1923 von der Fa. Weule (Bockenem) hergestellt. Über ein Gestänge werden nicht nur die Zeiger der vier äußeren Zifferblätter angetrieben, sondern es werden auch über eine Drahtseilverbindung die jüngst erneuerten Stunden- und Viertelstundenglocken oben in der Laterne des Turmes angeschlagen. Die alte, wohl 1942 (?) beschlagnahmte und eingeschmolzene Uhrglocke war 1518 von Hans Obenthrot (auch: Abendrot, Abendbrot) in Erfurt gegossen.

Das Dreiergeläut von 1518 im Glockenstuhl von 1521/22Das Dreiergeläut von 1518 im Glockenstuhl von 1521/22

Das nächst höher gelegene Turmgeschoss beherbergt den Glockenstuhl, der um 1521/22 errichtet wurde, nachdem der Turm bei dem Stadtbrand von 1517 vollständig ausgebrannt war. Das Dreiergeläut der Wenzelskirche erhält seine überregionale Bedeutung nicht zuletzt aus dem Umstand, dass es zumindest im an historischen Glocken nicht armen  Sachsen-Anhalt das einzige vollständig erhaltene mittelalterliche Geläut von einem Meister aus einem Guss darstellt.

Der Naumburger Rat hatte schon kurz nach dem Stadtbrand den "Glocken- und Kandelgießer" Merten Hylger (Martin Hilliger, 1484-1544) im sächsischen Freiberg beauftragt, aus dem Metall der geschmolzenen und zersprungenen Glocken neue zu gießen. Nach den umfangreichen Reparaturmaßnahmen am Turm konnten die neuen Glocken 1520 vom Bischof gesegnet werden. Allerdings konnten sie erst einige Zeit später, in den 1521/22 neu errichteten, bis heute erhaltenen Glockenstuhl gehängt werden.

Die Stahljoche, die den Glocken schweren Schaden zufügten.Die Stahljoche, die den Glocken schweren Schaden zufügten.Bis nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Glocken von einer Bühne aus von mindestens sechs Männern "getreten", erst danach erfolgte eine Umrüstung auf Seilbetrieb. Um den Antrieb der Glocken weiter zu erleichtern, wurden zu DDR-Zeiten die eichenen Joche, an denen die Glocken angebracht waren, durch gekröpfte Stahl-Joche ersetzt, die den Schwerpunkt der Glocken nach oben verlegten und damit das Bewegen erleichterten. Diese "Verbesserung" beeinträchtige den Klang jedoch gravierend und war substanzgefährdend, weshalb sie bei der Sanierung des Geläuts 2000/2001 wieder rückgängig gemacht wurde. Die nun durch Elektromotoren angetriebenen Glocken können seitdem wieder ihren vollen Klang entfalten.

Die drei Bronze-Glocken, gestimmt auf den Dur-Akkord des’-f’-as’, sind von hoher gusstechnischer und künstlerischer Qualität: Alle ziert ein jeweils variierter Blattrankendekor, darüber zwischen Ornamentleisten Schulterinschriften in Majuskeln.

Die mit einem Durchmesser von 104,5 cm und einem Gewicht von ca. 678 kg (nach der Restaurierung) kleinste der Glocken trägt als Inschrift den englischen Gruß: “AVE MARIA GRACIA PLENA DOMINVS TECVM BENEDICTA TV IN MVLIERIBVS ET BENEDICTVS FRVCTVS VEN 1518” (= Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit dir, gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes).

Die nächst größere Glocke (ca. 1211 kg Gewicht, 126,2 cm Durchmesser) ziert der Spruch: “O REX GLORIE CRISTHE VENI CVM SANCTISSIMA PACE. AMEN 1518 (= Christus, König der Herrlichkeit, komme mit deinem heiligsten Frieden! Amen 1518).

Die imposante, in mittlerer Position angebrachte Glocke - Durchmesser: 155,4 cm, Gewicht: 2309 kg - trägt einen Vers aus Psalm 112: “SIT NOMEN DOMINI BENEDICTVM EX HOC NVNC ET VSQUE IN SECVLVM A 1518. (= Der Name des Herrn sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit! Amen 1518). Diese Glocke schmücken zudem zwei außergewöhnlich fein gearbeitete Reliefs: Auf der Rückseite ist der Kirchenpatron Wenzel mit dem Naumburger Stadtwappen dargestellt. Die Vorderseite zeigt das fein ausgearbeitete Relief einer gekrönten Mondsichelmadonna im Strahlenkranz.


Stundenglocke2001Kunst- und Glockengießerei
Lauchhammer800180~d1LaterneViertelstundenglocke200160075~fis1Laterne

Die Becker-Glocke

Die sog. Die sog. Ganz oben, 242 Stufen über dem Marktplatz, erreicht der Tumbesteiger die Laterne des Turmes, wo sich nicht nur die beiden neuen Uhrglocken finden, sondern auch eine alte Schulglocke , die 1763 C. W. Becker in Naumburg gegossen hat, unmittelbar nach dem Ende des siebenjährigen Krieges, wie das lateinische Chronogramm lehrt: ANXIO CLAMORE PERII, PACE REDEO und seine deutsche Übersetzung verkünden: ICH SPRUNG BEY BANGEN KRIEGSGESCHREY, AM FRIEDENSFEST ERSCHIEN ICH NEU. Darüber ein Relief des Stadtpatrons Wenzel mit dem Stadtwappen.

In der Laterne des Turms finden sich schließlich zwei Schalen, die 2001 von der Kunst- und Glockengießerei Lauchhammer gegossen wurden (Stundenglocke: 80 cm Durchmesser, 180kg, d; Viertelstundenglocke: 60 cm, 75 kg, fis.)

[Vgl.: Ursula Dittrich-Wagner: Die Wenzelskirche zu Naumburg/Saale. Deutscher Kunstverlag, 2. Auflage 2009. ISBN 978-3-422-02150-1]