Peter und Moritz

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1919: Naumburgs Weg zur Industriestadt

Als der mitteldeutsche Raum nach der Mitte des letzten Jahrhunderts zügig industrialisiert wurde, blieb Naumburg dieser Entwicklung zunächst verschlossen. Erhebliche Standortnachteile verhinderten die Ansiedlung größerer Betriebe und man schien auf solche auch verzichten zu können, da doch die Gerichte und andere Behörden sowie die zahlreichen Armee-Einrichtungen eine große Zahl gutbetuchter Zuwanderer in die Stadt gebracht hatten, von denen man hoffte, daß sie dem gemütlichen und sauberen Naumburg auch im Alter treu bleiben und hier ihre Pensionen ausgeben würden. Der bedeutende Oberbürgermeister Emil Kraatz (1889-1913 im Amt) wandte sich seinerzeit sogar explizit gegen die Ansiedlung von Industriebetrieben: "Es kann eine Stadt nicht Industriestadt und Pensionopolis sein," schrieb er, "nur das eine oder das andere, denn das eine schließt das andere aus. Wenn wir hier eine Anzahl von Fabrikschlöten errichten lassen und eine große Arbeiterbevölkerung herziehen, dann hört naturgemäß der Zuzug der besser situierten Leute nicht nur auf, es werden auch viele von denen, die bis jetzt hier wohnten, in andere Städte [...] verziehen. [...] Daß durch eine starke Vermehrung der Arbeiterbevölkerung der Verkehr in der Stadt im Allgemeinen und auf den Promenaden im Besonderen angenehmer gemacht werden würde, kann auch nicht behauptet werden." Die Situation änderte sich grundlegend nach dem Ersten Weltkrieg. An eine dauerhafte Existenz als "Pensionopolis" konnte nun nicht mehr gedacht werden: Die zunehmende Geldentwertung machte die Besitzer reiner Geldvermögen zu armen Leuten, die Pensionen der Offiziere- und Beamten, auf die man so große Hoffnungen gesetzt hatten, schrumpften dem Realwert nach beängstigend zusammen. Die weitläufigen Kasernengebäude standen leer und wurden nun von der Reichsvermögensverwaltung sukzessive an die Stadt zurückgegeben. Hier suchte diese nun, Industriebetriebe anzusiedeln, die - neben dem Fremdenverkehr, auf den man ebenfalls große Hoffnungen setzte - dem Wohlstand des Gemeinwesens eine neue Grundlage schaffen sollten.

Eine dieser neu angesiedelten Firmen waren die Autowerke "Peter & Moritz" aus Eisenberg, die ein gutes Beispiel geben für die Probleme, die sowohl die Firmengründer als auch die Stadt hatten angesichts der Aufgabe, in einer Zeit der anhaltenden politischen und ökonomischen Krise, neue, tragfähige Wirtschaftsstrukturen aufzubauen. Dies verdeutlichen im Stadtarchiv erhaltene Akten über die Vermietung des Firmengeländes: aus ihnen läßt sich der dramatische Überlebenskampf des Unternehmens unmittelbar erschließen. Und weil dies die einzige ergibige schriftliche Quelle war, die uns zur Verfügung stand, ist diese Ausstellung auch die - aufschlußreiche - Geschichte eines Mietvertrages.

Es ist wenig übrig geblieben, was an die einst so hoffnungsvoll begonnene Autoindustrie in Eisenberg und Naumburg noch erinnert. Obwohl Gerüchte hin und wieder davon berichten, daß "in Naumburg", "in Thüringen" oder neuerdings "in England" noch ein Peter-&-Moritz-Wagen erhalten sein soll, so ist doch bisher keiner gesehen worden. Die wenigen hier gezeigten Exponate sind vorerst die einzigen Gegenstände, die aufgefunden werden konnten. Eine Kühlerplakette mit dem Firmenlogo soll sich in Schönburger Privatbesitz befinden.

1919: Eine mutige Firmengründung

Am 25.3.1919 melden der aus Eisenberg stammende Kaufmann Paul Otto Peter und der Berliner Ingenieur Albert Karl Moritz beim Amtsgericht Zeitz ihre neu gegründete Firma Peter & Moritz als offene Handelsgesellschaft an. Als "Geschäftszweig" wird in das Handelsregister eingetragen: "An- und Verkauf, sowie Wiederherstellung von Kraftfahrzeugen und Bau und Betrieb von solchen."

Vor wenigen Monaten erst aus dem Krieg zurückgekehrt, haben die beiden Firmengründer nicht viel mehr auf ihrer Seite als ihre technischen und kaufmännischen Fähigkeiten und ein paar gute Ideen. Peters jüngst verstorbener Vater hat vor einigen Jahren eine Eisenberger Wurstfabrik gekauft, die aber wohl nun nicht mehr in Betrieb ist, denn in deren Räumen wird die neue "Automobilfabrik", die aber vorerst nicht viel mehr ist als eine Werkstätte, eingerichtet. Schon bald wird die Entwicklung eines neuen Autotyps das Hauptziel der beiden Gesellschafter. Zur Erhöhung der technischen Kompetenz holen sie im November den jungen und hoch begabten Ingenieur C. W. Gehring als Betriebsleiter in die Firma

PM1915_30 Peter & Moritz Prototyp bei der Probefahrt; Eisenberg ca. 1915
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Der Betrieb in Eisenberg gleicht vorerst noch mehr einer Tüftlerwerkstatt

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Einer der Versuchswagen im Aufbau: Leichtbauchassis mit Speichenrädern und Motorradbereifung

C.W. Gehring und P.O. Peter

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1921: Kasernengelände zu vermieten

Da sich bald die mangelnde Kapitaldecke des jungen Unternehmens - keiner der persönlich haftenden Gesellschafter verfügt über ein nennenswertes Vermögen - entwicklungshemmend bemerkbar macht, wird die Firma zur Aktiengesellschaft umgewandelt, die OHG erlischt am 15.2.1921. Aufsichtsratsvorsitzender der AG wird der Zeitzer Kaufmann Oswald Kunisch. C. W. Gehring wird technischer Leiter und im Januar 1921 Prokurist. Als im Herbst des Jahres eine Kapitalerhöhung durchgeführt wird, geht die Mehrheit der Anteile an einen Berliner Investor. In dieser Zeit zeichnet sich ab, daß das Reichsvermögensamt auch das 1899 gemietete Gelände Weißenfelser Str. 57 mit den beiden dort befindlichen Wagenhäusern und einem Arbeitsschuppen, das Munitionsmagazin hinter der Stadtgärtnerei und das Friedenspulvermagazin des Artillerie-Depots an die Stadt zurückgeben wird. Wie auch für andere ziviler Nutzung zugeführte ehemalige Kasernengebäude sucht die Stadt auch für diese einen gewerblichen Mieter. Noch bevor das Gelände öffentlich ausgeschrieben wird, meldet die Firma Peter & Moritz, Eisenberg, ihr Interesse an. In den zuversichtlichsten Tönen schildert sie ihre gegenwärtige finanzielle Situation, ihre hervorragende Auftragslage und vor allem die rosige Zukunft des Automobilbaus in Naumburg.

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Das Kasernen-Gelände in der Weißenfelser Straße.

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Der Magistrat - nicht sehr erfahren im Umgang mit Industriebetrieben - läßt Solvenz und Leumund des Unternehmens prüfen, insbesondere aber läßt er sich versichern, daß von dem Betrieb weder Lärm- noch andere Belästigungen ausgehen, zumal die mit beeindruckenden Beamtentiteln versehenen Leiter der in unmittelbarer Nachbarschaft untergebrachten "Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft" solche Bedenken angemeldet haben. Am 30.11.21, zwei Wochen nach dem ersten Kontakt, wird der Mietvertrag auf 20 Jahre "zum Zwecke der Erzeugung von Kraftwagen" geschlossen. "Der Mietzins beträgt 40.000 M jährlich und ist in vierteljährlichen Vorauszahlungen zu entrichten." Naumburg ist damit auf dem Weg zur Autostadt.

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Drei fast fertiggestellte Fahrzeuge des ersten Modells in der Eisenberger Werkstatt. Der Expansionsdrang der Firmengründer ließ sie nach einer größeren Fabrikationsstätte suchen...

15.11.21: P&M an OB
"Wir beabsichtigen wegen Platzmangel unsere Fabrik, in der wir zur Zeit etwa 120 Leute beschäftigen, von Eisenberg nach irgend einer Stadt, in der wir geeignete Gebäude erhalten können, zu verlegen. Zu ihrer Aufklärung diene Ihnen, dass wir bereits seit 2 Jahren fabrizieren und zwar handelt es sich um die Fabrikation des bereits im In- und Ausland glänzend bewähreten Peter-Moritz-Wagen, über welchen wir Prospekt und Referenzenliste beifügen und von welchem bereits über 100 Stück laufen. Unsere Firma ist kapitalkräftig genug, um jede gewünschte Garantie zur Sicherstellung der Miete, die verlangt werden könnte, zu leisten und da wir ungefähr die 5-6 fache Menge Wagen auf der Berliner Ausstellung und daran angschliessend verkauft haben, als wir in Eisenberg im Laufe des kommenden Jahres produzieren könnten und andererseits es volkswirtschaftlich ein grober Unfug wäre, industrielle Neubauten zu errichten, wenn in anderen Städten geeignete Räume zur Verfügung stehen, so est es unsere Absicht, nachdem Vergrösserungsmöglichkeiten in Eisenberg nicht besteht und an Neubauten infolge des inzwichen eingetretenen Frostes auch nicht zu denken ist, andererseits die Platzfrage einer beschleunigten Lösung, zwecks Ausführung der vorliegenden Bestellungen, bedarf, die vorangeführten Wagenhäuser und Schuppen von der Stadt Naumburg mietsweise zu übernehmen, einschliesslich dem dazugehörigen Gelände bei einer Mietsdauer von möglichst 10 Jahren. Es wird voraussichtlich notwendig sein, zur Durchführung unseres Bauprogramms, welches sich auf eine Herstellung von mindestens 60-80 Wagen des gleichen Typs monatlich beläuft, ca 200-250 Arbeiter einzustellen. Diese Anzahl Arbeiter ist in Naumburg ohne weiteres zu erhalten und viele Arbeiter, die zur Zeit arbeitslos oder aber in Naumburg ansässige Arbeiter, die auswärts in Kohlengruben etc. vielleicht ganz ausserhalb ihres Berufes tätig sind, zu beschäftigen. Es läge also auch die Verlegung unseres Werkes nach Naumburg in volkswirtschaftlichem Interesse, ganz abgesehen davon, dass die Stadt Naumburg selbst ihre Vorteile durch beträchtliche Vergrösserung des Fremdenverkehrs, Abführung von Steuern und eine neu emporblühende Industrie hätte. Wir möchten als Beispiel anführen, dass mit Ausnahme der Wagen, die nach Uebersee und nach dem Balkan, sowie Schweden und Dänemark, verladen, die Fahrzeuge meistens per Achse an den Bestimmungsort überführt werden. Die Käufer bleiben dabei mehrere Tage hier und machen in den meisten Fällen beträchtliche Einkäufe."

24.11.21: Auskünfte
"Stadtkämmerer Kramer (persönlich mit Peters bekannt) hält die pekuniären Verhältnisse für geordnet. Er bezeichnet die Inhaber als tätige Leute die große Aufträge haben (etwa 100 Arbeiter). Auf der Hamburger Ausstellung sind die Kleinwagen mehrfach ausgezeichnet worden und haben große Aufträge erhalten. [...] Bankdirektor der Thüringer Landesbank Rätzel gibt vertraulich die beste Auskunft über die Firma. Das ursprüngliche Aktienkapital von 900.000 M ist kürzlich auf 2½ Millionen erhöht. Die jungen Akten werden jetzt ausgegeben, befinden sich aber schon jetzt nahezu vollständig im Besitz eines Berliner Finanzmannes. Vorsitzender des Aufsichtsrats Herr Ernst Kunisch in Zeitz, der sicherlich da der Berliner Herr die Stimmenmehrheit schon jetzt besitzt, am längsten Vorsitzender gewesen ist. Die junge Firma hat schwierige Zeiten hinter sich, aber durch Fleiß u. Tüchtigkeit der Inhaber ist sie jetzt über den Rubikon. Die Bank hat stets volles Zutrauen in die Firma gesetzt, deren Inhaber äußerst fleißig und tüchtig sind und die Unterstützung der Bank voll rechtfertigen. Herr Direktor Rätzel bezeichnet es als einen Verlust für Eisenberg wenn ein solches, tüchtig geleitetes und mit reichlichen Aufträgen versehenes Werk der Stadt verloren ginge."

25.11.21:
Beschluß des Magistrats "Von einer Ausschreibung wird abgesehen. Die Vermietung der Wagenhäuser 1 und 2 an die Autowerke Peter & Moritz wird beschlossen."

1920: Der Volkswagen kommt - aus Eisenberg

Die neben dem Reparatur- und Wartungsbetrieb durchgeführten Entwicklungsarbeiten zeitigen Mitte des Jahres 1920 einen ersten Erfolg. Das Reichspatentamt trägt am 23.6.20 einen von Paul Peter, Karl Moritz und Christoph Willi Gehring angemeldeten "Motorwagen" in die Gebrauchsmusterrolle ein und schützt ihn damit vor Nachahmung. Als schützenswerte Besonderheit ihrer Konstruktion hatten die Unternehmer in ihrem Antrag deren bis dahin unerreichte Einfachheit, Leichtigkeit und Sparsamkeit herausgestrichen. Am 6. Juli meldet die Eisenberger Lokalzeitung: "Das erste Eisenberger Kleinauto der Firma Peter & Moritz AG hat gestern abend die Werkstatt zu einer Probefahrt verlassen. Die in das Fahrzeug gesetzten Hoffnungen haben sich in jeder Weise erfüllt."

Wenige Wochen später, am 31. August können die Eisenberger ihrem Blatt dann den Bericht vom ersten großangelegten Tauglichkeitstest entnehmen: "Ein Volkswagen der Autowerke von Peter & Moritz fuhr am Sonnabend mittag von Weimar über Frankfurt a. M. nach Godesberg a. Rh., wo er am Sonntag abend eintraf. Die rund 600 Kilometer lange Strecke wurde ohne die geringste Störung zurückgelegt."

Der derart gepriesene "Volkswagen" ist ein Kleinstwagen der einfachsten Art, mit Zweiganggetriebe ohne Rückwärtsgang und einem querliegenden 1,3-Liter-Boxermotor, dessen Zylinder an beiden Seiten der Motorhauben herausragen und so durch den Fahrtwind gekühlt werden. Er ist in vielen seiner Merkmale dem seit Jahren sehr erfolgreichen englischen "Rover Eight" Cyclecar nachempfunden und entspricht weitgehend dem, was auch noch zahlreiche andere kleine und kleinste Autofirmen anbieten.. Der Preis des Autos beträgt immerhin 10.000 Mark. Es sollen zeitweise 10-12 Stück pro Monat gefertigt werden.

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Das erster Serienmodell bei der Probefahrt. Kennzeichnend war die bootsförmige Karosserie. Es war der Ehrgeiz der Techniker, einen eigenen Motor zu entwickeln. Ein kleiner, einfacher Boxermotor schien das geeignete Triebwerk für den Kleinwagen Ein Blick in die Werkstatt, die noch nicht viel mit "Fabrik" zu tun hat. Auch auf härteste Winter-Testfahrten in der Eisenberger Umgebung wurde nicht verzichtet.

 

Aus dem Antrag auf Gebrauchsmusterschutz:

"Die Bezeichnung lautet: Volkswagen. Als neu wird beansprucht: Gesamtaufbau eines leichten Motorwagens von bisher unerreichter Einfachheit, dessen Teile und Handhabung völlig gefahrlos bedient werden kann. Die Einfachheit dieses neuen Fahrzeuges wird am besten dadurch dokumentiert, dass dasselbe mit Hilfe von nur zwei normalen Maschinenschlüsseln vollständig zerlegt und wieder zusammengebaut werden kann also nur 4 Muttergrößen aufweist. Der Motor ist mit Kupplung und Getriebe in einem Aluminiumgehäuse zusammengebaut, dessen Oberteil nach Lösen einiger 8 mm Muttern abnehmbar ist und die ganze Maschinenanlage zur Revision oder Auswechseln von Teilen freilegt. In ebenso einfacher Weise ist das vielfach sonst zu Störungen Veranlassung gebende Kardangelenk durchgebildet. Zwei einfache Lederscheiben, die jeder Dorfschmied erneuern kann, bewerkstelligen die Uebertragung der Motorkräfte unter Weiterleitung durch eine Rohrwelle auf das einfache Schneckengetriebe der Hinterachse. Diese weist entgegen den bisher bekannt gewordenen Motorwagenkonstruktionen keinerlei Ausgleichsgetriebe auf. Irgendwelche Nachteile haben sich bei den bisher geheimgehaltenen Versuchsfahrten nicht ergeben. Dagegen wurde als wesentlicher Vorteil festgestellt, dass der Wagen bei nassem Wetter auf schlüpfriger Strasse durch einfaches Beschleunigen mittels Motorkraft wieder in Fahrtrichtung gebracht werden kann, sofern derselbe wirklich einmal schleudert. Durch das Fehlen des Ausgleichsgetriebes wird uns möglich gemacht mit Hilfe unserer einfachen Trommelbremsen an den Hinterrädern durch getrennte Betätigungsgestänge zwei unabhängig von einander wirkende Bremsen zu bekommen. Die Feststellung der Handbremse ist ebenfalls ohne komplizierte Einzelheiten ausgeführt. [...] Wie einfach im Uebrigen der ganze Aufbau gehalten ist, möge noch aus folgenden Einzelheiten hervorgehen. Sämtliche Federböcke sind absolut gleich und untereinander austauschbar, ebenso die Zylinder, die Stöße, die Ventile, die Nockenhebel, sowie die meisten Kugellager und Zahnräder. Durch die mehrfache Verwendung derselben Konstructionsteile wird eine Massensfertigung dieser Fahrzeuge ermöglicht, sodaß dasselbe zu einem Preise auf den Markt gebracht werden kann, der breitesten Bevölkerungsschichten die Anschaffung ermöglicht. Dabei war es möglich das Gewicht des Fahrzeuges so gering zu halten, daß auch der Betriebsmittelverbrauch für ein Vierradfahrzeug als bis heute noch nicht erreicht niedrig betrachtet werden kann..."

 

1922: Eine Fabrik zieht um

Der Umzug des Produktionsbetriebes soll im Herbst 1922 stattfinden. Zuvor müssen jedoch umfangreiche Um- und Einbauarbeiten durchgeführt werden, um aus den Wagenhäusern und Schuppen funktionsfähige Fabrikgebäude zu machen. Es zeigt sich bald, daß die geringe Kapitalausstattung des Unternehmens nicht ausreicht, die notwendigen Investitionen zu finanzieren.
Aus Berlin meldet sich bereits im Januar des Jahres der "Delegierte des Aufsichtsrats", Rechtsanwalt Dr. Bölling, bei der Stadt. Er ist wohl der Vertreter des Berliner Investors, der inzwischen die Aktienmehrheit hält und er führt von nun an alle wesentlichen Verhandlungen des Unternehmens.

Bölling fordert die Kommune auf, das Gelände an Peter & Moritz zu verkaufen, weil die Firma dringend Sicherheiten in Form von Sachwerten benötigt, um ihre Kreditfähigkeit zu erhöhen und um ihr Kapital weiter aufstocken zu können. Er lockt mit vielversprechenden Zahlen (4-5 Millionen Mark jährliche Investitionen, 400 Arbeitsplätze, 50 Millionen Mark Umsatz...) und droht gleichzeitig damit, einen anderen Standort zu suchen, wenn der Grundstückskauf nicht zustande kommt.
Der Magistrat ist dem Grundstücksgeschäft nicht abgeneigt, lediglich über den Preis kann man sich zunächst nicht einigen. Als die Inflationsrate im Verlaufe des Jahres jedoch spürbar ansteigt, wird die Stadt immer zurückhaltender: man will kein Spekulationsgeschäft unterstützen und man hat Sorge, daß das erlöste Geld zu schnell an Wert verliert. Die Verhandlungen ziehen sich hin...

Die Techniker bei Peter & Moritz arbeiten ständig an der Verbesserung der Modelle. Noch in Eisenberg geht eine neue Generation des Kleinwagens in die Serienfertigung. Von der Luftkühlung des Motors ist man inzwischen abgerückt und der verbesserte wassergekühlte Zweizylinder des "Volkswagens" leistet jetzt 15 statt 12 PS. In der Hauptsache produziert man die 15-PS-Tourenwagen-Ausführung und dazu in kleinerer Auflage einen 20-PS-Sportwagen. Da die Karosserien in kleinsten Stückzahlen gefertigt werden, ändern sich diese häufig.

Hatte die Eisenberger Lokalzeitung eben noch stolz, von einem "Rekordverkauf" berichtet, so nimmt das Naumburger Tageblatt von der neuen Fabrik keinerlei Notiz.

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Die halbfertigen Wagen werden nach Naumburg überführt. Auf der Berliner Radrennbahn beteiligt man sich an Autorennen, schon damals eine Herausforderung für jeden Automobilhersteller.

 

22.1.22: Schreiben des Delegierten des Aufsichtsrats, Dr. Bölling, Berlin
"Das Projekt ist nunmehr ausgearbeitet, das die erforderlichen Umbauten für die Fabrikation vorsieht. Es liegen ferner die verschiedenen Kostenanschläge für die Ausführung des Projektes vor. Aus diesen ergibt sich, dass die Kosten für die Umbauten, infolge der hohen Arbeits- und Materialpreise, ausserordentlich hoch sind und zwar so hoch, dass eine vorsichtige und solide Finanzpolitik der Gesellschaft gebietet, auf einen wesentlichen Teil der Umbauten zu verzichten, weil die Gesellschaft nicht im gesicherten Eigentum, sondern nur Mieterin des Grundstückes ist. Das jetzige Vertragsverhältnis gestattet bei einer Investierung von etwa 530.000 Mark für Umbauten, die Anfertigung von etwa 150 Fahrzeugen pro Jahr, mit der Massgabe, dass ein Teil der Arbeiten fremden Arbeitstätten zur Ausführung übergeben werden müßte; in Naumburg (S) würde dann im Wesentlichen die Montierung erfolgen.
Die Gesellschaft würde bei einem derartigen Betriebe bis zu 150 Arbeiter mit einem Gesamt-Monatslohn von etwa 180.000 M beschäftigen. Der Jahresumsatz würde dann etwa 5 Millionen Mark betragen.
Hätte die Gesellschaft das Eigentum, so würden naturgemäss alle Investierungen ihrem Vermögen zuwachsen. Das Eigentum am Grundstück würde die Errichtung einer großzügigen Fabrikanlage gestatten, es würde nach einer allmählichen Investierung von etwas 4-5 Millionen Mark die Produktion auf 800-1000 Fahrzeuge gesteigert werden können. Die Herstellung der Fahrzeuge könnte im Wesentlichen in unserer Fabrik erfolgen d.h. eine Begebung von Arbeiten nach ausserhalb würde auf das allernotwendigste beschränkt bleiben. Es würden bis zu 400 Arbeiter mit einem Gesamtarbeitslohn von einer halben Million Mark beschäftigt werden können, und der Jahresumsatz der Gesellschaft könnte bei gleichbleibender Absatzmöglichkeit auf 50 Millionen Mark jährlich gesteigert werden. [...]
Der gesteigerte Umsatz würde selbstverständlich der Stadtgemeinde wesentlich höhere Steuererträge bringen.
[und:] die Finanzierung der Gesellschaft würde, wenn sie das Eigentum an dem Grundstück hat, auf eine viel solidere Basis gestellt werden können,, das Grundstück, wesentlich verbessert, durch die grosszügigen, dauernd zweckmässigen Einbauten, würde im Eigentum der Gesellschaft mit den darauf eingestellten Maschinen der Gesellschaft erst das in Industrie- und Finanzkreisen erforderliche Ansehen verleihen.
[...] Die Gesellschaft würde als Eigentümerin ihren Sitz nach Naumburg (S) verlegen und ihren Plan, nur die Fabrikation in Naumburg zu belassen und ihren Sitz in Berlin zu errichten, aufgeben.
[...] Wir bieten für das Mietsobjekt Mark 900.000,-.
[...] Wir verkennen nicht, daß die Gebäude in ihren Mauern solid ausgeführt sind, ihre Verwendungsmöglichkeit bleibt aber in ihrem jetzigen Zustande beschränkt auf Zwecke, die gegenwärtig und voraussichtlich für die Zukunft ganz ausser Betracht stehen;.."